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Stimmen der Strömung – Voices of the Current (en/de)

The English version can be found below. 

Nach zwei Stunden im Wasser fing die Kälte langsam an zwischen meine Haut und den Neoprenanzug zu kriechen.  Heute war einer dieser Tage, die wieder deutlich mehr Zeit in Anspruch nahmen, als wir ursprünglich geplant hatten. Doch mein Tauchpartner und ich beschlossen trotzdem, noch ein letztes Mal für diesen Tag ein paar Flussmeter abzusuchen. 

Wir tauchten den Flussrand ab. Die bedingungslose Aufmerksamkeit und der Fokus krochen wie selbstverständlich wieder in mir hoch, meine Augen ließen keinen Zentimeter des Flussgrundes unerkundet. Bis ein silbernes Schimmern, dessen Glanz dem Sediment Kontrast bot, mich innehalten ließ. Halb verborgen unter einer dünnen Sedimentschicht lugte etwas hervor, das ich anfangs für Plastik abtat. Vorsichtig ließ ich mich darüber schweben, strich mit den Fingerspitzen darüber – Metall. Ich gab meinem Partner ein Zeichen und wir begannen behutsam den Fremdkörper etwas freizulegen. Mit jedem Handgriff offenbarte sich mehr. Und als ich endlich erkannte, was es war, fühlte ich Adrenalin durch meine Adern pulsieren. Ein Motorroller. Wir versuchten ihn etwas mehr aus dem Untergrund zu ziehen und ihn gemeinsam aufzustellen.

An der Oberfläche informierten wir unser Team an Land, das weiters die Feuerwehr alarmierte. Als der Motorroller am Ufer stand, war die Luft rund um das Team gleichermaßen schwer von Stolz und Entrüstung getränkt. Der Tank des Motorrades war voll mit Benzin, die Metallverstrebungen noch nicht von Rost ummantelt. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Kräfte der Lahn ein Leck verursacht hätten und der Diesel als flüssiger Tod seine schwarzen Spuren durch den Fluss gezogen hätte. 

Flora Gläßer war die erste Frau, die sich bei den Lahntauchern regelmäßig mit unter die Wasseroberfläche und in die Strömung wagte. Doch oft genug standen sie und ihre Kameraden in schwarzen Neoprenanzügen am Flussufer, und vorbeigehende Passanten riefen: „Hey Jungs, super Arbeit!“, ohne zu bemerken, dass eine Frau mitten unter ihnen war. Nach ihr machten sich weitere Frauen in der Gruppe aktiv und auf Social Media zeigten sie dann als Team ganz bewusst, dass Tauchen kein reiner Männersport ist. 

Innerhalb des Teams gab es in der Wertschätzung der Frauen nie Ungleichheiten, nur die Anzahl und die Wahrnehmung von außen standen im Ungleichgewicht. Heute tauchen Männer und Frauen gleichermaßen, und an Land ist das Team inzwischen sogar weiblich dominiert. Zwar hält sich in vielen Köpfen noch das Bild vom Tauchen als Männerdomäne, aber Flora sieht, dass sich etwas verändert. Schritt für Schritt.

Tauchen fordert nicht nur Ausdauer und Kraft, sondern auch Präzision, Wissen und Mut – Eigenschaften, die niemals an ein Geschlecht gebunden sind. Doch bei den Lahntauchern geht es mehr als nur den Sport. Sie beweisen, dass Umwelt- und Gewässerschutz keine Frage von Geschlecht, sondern eine gemeinsame Verantwortung und die Kraft der Gemeinschaft ist. 

Eine Bewegung über alle Ufer  

Marburg, 2020. Jemand hatte sich beim Baden in der Lahn an einer Glasscherbe verletzt. Und nachdem die ersten Lahntaucher einen Blick auf den Grund der Lahn machten, sahen sie sich einer schwerwiegenden Erkenntnis gegenübergestellt. Die Menge an Müll, die dort zu finden war – Einkaufswagen, Reifen, Plastikflaschen, Metallschrott – ein Spiegelbild unserer Wegwerfgesellschaft versteckt unter der schier immerzu schimmernden Oberfläche des Flusses. Seither besteht Ihre ehrenamtliche Kerngruppe etwa einem Dutzend junger Menschen und sie verzeichnen 98 Einsätze und über 18 Tonnen geborgenem Müll. 

Während das Bewusstsein für globalen Meeresschutz einigermaßen etabliert wurde, leben der kritische Zustand und der Bedarf an Schutz der heimischen Gewässer im Schatten. Von außen betrachtet sind Flüsse oft wildromantisch, aber darunter offenbart sich eine andere Realität. Die Lahntaucher holen nicht nur Müll aus den Gewässern: Sie betreiben wissenschaftliches Monitoring, dokumentieren Arten und setzen sich für Bildungsprojekte ein.

Doch für die Lahntaucher reicht das Müllsammeln allein nicht. Sie engagieren sich für Renaturierungsprojekte, einer der effektivsten Methoden, das Gleichgewicht unserer Umwelt wieder geradezurücken. Sie restaurieren Seegraswiesen, schaffen neue Lebensräume für Amphibien und kämpfen somit aktiv gegen das Artensterben. Der Klimawandel bedingt exponentielle Veränderungen der Gewässer: Mit den rasant steigenden Temperaturen nimmt die Artenvielfalt und der Sauerstoffgehalt in den Gewässern ab, durch ständige Überschwemmungen werden Schadstoffe vom Land in die Flüsse gespült. Auch die Landwirtschaft und Industrie trägt ihren schmutzigen Teil zu abnehmenden Wasserqualität bei; durch den exzessiven Einsatz von Düngemitteln und anderen Pestiziden sowie das Ablassen von Abwasser in die Flüsse gelangt der flüssige Tod in unsere Böden und in unser Trinkwasser. Um das Bewusstsein für diese unsichtbaren Verwüstungen zu stärken, beteiligen sich Akteur*innen der Lahntaucher an Vorträgen, Schulprojekte und Öffentlichkeitsarbeiten. 

Ihre Wege führen mit den Flüssen auch an unsere Meere. Dort reinigen sie Hafenbecken in Norddeutschland und entfernen meterweise Geisternetze. Und bei all ihren Reinigungsarbeiten gibt es eine goldene Regel: Nichts wird entfernt, was sich die Natur bereits zu eigen gemacht hat. Bei der Bergung von Müll unter Wasser ist es oft nicht möglich, ausschließlich unbewachsenen Abfall zu entfernen, da sich viele Objekte bereits in das Ökosystem integriert haben. Dennoch versuchen sie, möglichst viele Organismen behutsam umzusiedeln. In Flüssen – ihrem Hauptarbeitsgebiet – gibt es weniger sessile Arten, sodass sie ihr Prinzip hier weitgehend umsetzen können. Allerdings berücksichtigen sie nicht nur, ob ein Fund bewachsen ist, sondern auch seine potenzielle Gefährdung für die Umwelt. Stark schädliche Objekte wie bewachsene Autobatterien werden in jedem Fall entfernt.

Für ihr Engagement wurden die Lahntaucher 2023 mit dem Planet Hero Award ausgezeichnet. Mit dem Preisgeld können sie ihre Projekte weiter ausbauen und noch effektiver für den Schutz ihrer Gewässer eintreten. Die Lahntaucher haben ein Ziel: Die Lahn in Marburg müllfrei zu bekommen. Vielleicht grenzt dieses Ziel an Utopie, aber jede gesäuberte, gesunde Flussbiegung ist ein Schritt in die richtige Richtung. 

Da ich meinen Bachelorabschluss in Biologie schon in der Tasche habe, bin ich nach Norddeutschland gezogen und gehe dort dem Studium der Meeresbiologie nach. Meine Zukunft? Eindeutig Forschungstauchen, auf Exkursionen gehen, bei Renaturierungsprojekten und dem Monitoring mariner Ökosysteme dabei sein. Heute noch, auch nach unzählbaren Taucherfahrungen, denke ich mir, was für ein Geschenk es ist, in so einem delikaten Universum wie der Unterwasserwelt Gast sein zu dürfen und in den Genuss ihrer wunderbaren Vielfalt zu kommen.

Geschrieben von Carolina Leiter, Interview mit Flora Gläser, Fotograf Mattis Weber

 

Voices of the Current

After two hours in the water, the cold slowly started creeping between my skin and the neoprene suit. Today was one of those days that ended up taking way longer than we had planned. Yet, my dive buddy and I decided to give it one last shot – just a few more meters of the river to search before calling it a day.

We scanned the riverbank, our senses sharpening as focus and attention instinctively settled back in. My eyes missed nothing, sweeping every inch of the riverbed—until a silver shimmer caught my eye, its glint contrasting against the sediment. I stopped. Half-buried under a thin layer of silt, something peeked out. At first, I dismissed it as plastic. Hovering above, I reached out with my fingertips – metal. I signaled my buddy, and together, we carefully began to uncover the foreign object. With every movement, more of it was revealed. And when I finally realized what it was, adrenaline surged through my veins. A scooter.

We tried to free it from the riverbed, bracing ourselves against the current as we hauled it upright. Once at the surface, we alerted our team onshore, who immediately contacted the fire department. When the scooter finally stood on the shore, the air around us was thick with both pride and outrage. The fuel tank was still full, the metal frame untouched by rust. It was only a matter of time before the river’s forces would have caused a leak, unleashing a trail of diesel – a silent, liquid death tracing black lines through the water.

Flora Gläßer was the first woman to regularly dive with the Lahntaucher team, venturing below the surface and into the current. But more often than not, as she and her teammates stood on the shore clad in black wetsuits, passing strangers would call out, “Hey guys, great job!” – not realizing that one of them was a woman. She wasn’t the last. After she got involved, more women in the group followed suit, and together they made a point on social media to show that diving isn’t just a men’s sport.

Within the team, there was never a question of equality – only the numbers and outside perceptions showed imbalance. Today, men and women dive side by side, and onshore, the team is now predominantly female. The image of diving as a male-dominated activity still lingers in many minds, but Flora sees change. Step by step.

Diving demands endurance and strength, but also precision, knowledge, and courage—qualities that have never belonged to any one gender. Yet, for the Lahntaucher, it’s about more than just the sport. They prove that environmental and water conservation isn’t a matter of gender, but of shared responsibility—a testament to the power of community.

A Movement Beyond the Riverbanks

Marburg, 2020. A swimmer was injured by a piece of broken glass in the Lahn River. When the first Lahntaucher divers took a look beneath the surface, they were met with a sobering reality: an underwater landfill. Shopping carts, tires, plastic bottles, metal debris – a reflection of our throwaway culture, hidden beneath the river’s shimmering surface.

Since then, their core volunteer team, made up of about a dozen young people, has completed 98 missions and removed over 18 tons of waste.

While awareness of global ocean conservation has gained traction, the critical state of local freshwater ecosystems remains in the shadows. From the outside, rivers often appear wild and romantic—but beneath, a different reality unfolds. The Lahntaucher don’t just retrieve waste from the water; they conduct scientific monitoring, document species, and advocate for educational projects.

But for them, cleaning up isn’t enough. They actively engage in restoration projects – one of the most effective ways to restore balance to our ecosystems. They replant seagrass meadows, create new habitats for amphibians, and fight against biodiversity loss. Climate change is rapidly altering aquatic environments: rising temperatures deplete oxygen levels, devastating biodiversity, while floods wash pollutants from land into the rivers. Agriculture and industry add their own share of destruction – through excessive fertilizers, pesticides, and wastewater discharge, poisoning our soil and drinking water.

To raise awareness of these silent devastations, the Lahntaucher take part in lectures, school projects, and public outreach. Their work extends beyond rivers, leading them to the sea. They clear harbor basins in northern Germany and remove meters of ghost nets. But through all their cleanup efforts, one golden rule remains: nothing is removed that nature has already reclaimed. Underwater, debris often integrates into ecosystems, making it impossible to remove without disrupting marine life. Yet, whenever possible, they carefully relocate organisms before clearing the waste. In rivers – their primary area of impact – there are fewer sessile species, allowing them to implement this principle more effectively. However, they don’t just assess whether an object is inhabited, but also its environmental risk. Highly toxic finds, like encrusted car batteries, are removed without exception.

In recognition of their efforts, the Lahntaucher were awarded the Planet Hero Award in 2023. With the prize money, they are expanding their projects and strengthening their fight for cleaner waters. Their goal? To make the Lahn in Marburg waste-free. Perhaps a utopian dream—but every cleaned, healthy river bend is a step in the right direction.

Having already earned my degree in biology, I’ve moved to northern Germany to pursue my studies in marine biology. My future? Without a doubt, scientific diving—expeditions, restoration projects, and marine ecosystem monitoring. Even now, after countless dives, I still marvel at what a privilege it is to be a guest in such a delicate universe beneath the surface, to witness its quiet, mesmerizing abundance.

Article by: Carolina Leiter, Interview with Flora Gläser, photographs by Mattis Weber


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